Die letzte der wahrscheinlich siebzehn Thorarollen der Synagoge in Oberdorf wurde anlässlich der Feier zur Eröffnung der Gedenk- und Begegnungsstätte am 25. November 1993 von Karl Heimann dem Trägerverein ehemalige Synagoge Oberdorf e.V. als Dauerleihgabe übergeben. Somit kam die Thorarolle nach über 50 Jahren wieder nach Oberdorf zurück.
Heimann-Thora
Sein Vorfahre Chaim Loeb Heimann stiftete - wie für wohlhabende Gemeindemitglieder üblich - diese Thorarolle der Oberdorfer Synagoge im Jahr 1845. Die Thorarolle der Heimanns erhielt 1871 als so genannten Thoraschmuck einen Mantel und silberne Beschläge. Im August 1939 nahm die Familie Heimann die Thorarolle mit in die USA und rettete sie so vor dem Verlust, denn alle anderen Thorarollen der Oberdorfer Synagoge sind im Laufe der Zeit verschwunden. Während des Zweiten Weltkrieges stellen die Heimanns ihre Thorarolle jüdischen Soldaten zum Gebrauch in einer Synagoge bei Fort Dix zur Verfügung.
Thora bedeutet übersetzt soviel wie Lehre, Anweisung, Gesetz. Sie ist umfasst den ersten Teil der Bibel, die fünf Bücher Mose. In der Thora finden sich insgesamt 613 Vorschriften, wovon 248 Gebote und 365 Verbote sind. Beides sind Zahlen der Vollkommenheit: 248 symbolisiert die Zahl der Knochen im menschlichen Körper, 365 die Zahl der Tage im Jahr.
Ein extra dafür ausgebildeten Schreiber bringt den Text mit einem Gänsekiel und einer Tinte ohne Metallzusätze von Hand auf die lange Pergamentrolle der Thora auf, wofür er ungefähr ein Jahr braucht. Die Thorarolle, die außerhalb der Gottesdienste in einem Thoraschrein an der Stirnseite der Synagoge aufbewahrt wird, kommt zur Lesung auf ein erhöhtes Pult in der Mitte der Synagoge. Der jüdische Gottesdienst ist ein Laiengottesdienst, bei dem zehn über 13-jährige Männer versammelt sein müssen. Bei der Vorlesung wirken reihum die Männer der Gemeinde mit, wobei der Text nicht gesprochen, sondern gesungen wird.
Aus Ehrfurcht vor dem Wort Gottes und um die Thora auch vor Abnutzung zu bewahren, soll sie nicht direkt angefasst werden. Das Pergament ist daher an einem Stab aus Holz oder Elfenbein befestigt. Mit diesem Stab rollt man die Thorarolle auf, um an die für den jeweiligen Gottesdienst relevante Stelle zu gelangen. Auch beim Lesen darf man nicht mit dem Finger über den Text gehen, sondern man verwendet dazu einen speziellen Thorazeiger. Und wenn eine Thora für den Gottesdienst aufgrund ihres Alters oder Beschädigung unbrauchbar geworden ist, wird sie nicht einfach weggeworfen, sondern auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt oder in eine Geniza (Schatzkammer zur Aufbewahrung ausgedienter liturgischer Schriften) verbracht.
Die Heimann-Thora ist heute in der ehemaligen Synagoge nicht mehr in der Thoranische zu finden, sondern kann jederzeit in einer Vitrine besichtigt werden.