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Museumsfund des Monats Juli 2008:
Römische Schuhe - Luxus an den Füßen? aus dem Limesmuseum Aalen

Römische Schuhe? Nicht wenige denken dabei wahrscheinlich an die bekannten Soldatenstiefel mit ihren zahllosen Riemchen und den genagelten Sohlen. Diese "caligae" wurden zum Synonym für den römischen Fußsoldaten (caligatus) und dienten sogar als Spitzname des römischen Kaisers Gaius (Caligula = Soldatenstiefelchen), der als kleiner Knabe längere Zeit im Feldlager seines Vaters Germanicus lebte.

Unter den römischen Funden am Limes suchen wir allerdings vergeblich nach Resten dieser "typischen" römischen Soldatenschuhe, obwohl hier etwa 30.000 Soldaten stationiert waren. Wie kann das sein? Die Gründe sind vielfältig, wobei zwei Aspekte besonders hervorzuheben sind. Zum einen sind Lederfunde aus der Römerzeit grundsätzlich äußerst selten, da das organische Material sich nur in feuchten Bodenschichten und unter Luftabschluss erhält. Zum anderen sind Schuhe, wie alle Teile der Bekleidung, gewissen zeitlichen Entwicklungen bzw. Moden unterworfen. Doch welches Schuhwerk war nun am Limes in Mode? Welche Schuhe bevorzugten die Soldaten, Zivilisten, Frauen und Kinder? Dass wir auf diese Fragen eine einigermaßen umfassende Antwort geben können, verdanken wir einem der spektakulärsten Funde am Limes der letzten Jahrzehnte, dem Schuhfund aus dem Ostkastell von Welzheim – dem größten Schuhfund nördlich der Alpen.

Im Jahre 1977 wurde bei archäologischen Untersuchungen im Ostkastell von Welzheim in einem Brunnen eine große Anzahl von Schuhen bzw. Schuhfragmenten geborgen. Es handelt sich um die Reste von über 100 Einzelschuhen, von denen 36 annähernd vollständig erhalten sind, während von anderen mehr oder weniger große Fragmente bzw. nur die Sohlen geborgen werden konnten. Die Schuhe waren zusammen mit Stallmist, Holz- und Keramikabfällen in den Brunnen geworfen worden. Da es sich bis auf ein Sohlenpaar um Einzelschuhe handelt, die zum Großteil bereits in der Antike durch starke Abnutzung unbrauchbar geworden waren, wird es sich bei dem gesamten Komplex um den Abfall einer Schusterwerkstatt handeln.

Die zahlreichen Einzelschuhe und Fragmente ergeben ein repräsentatives Bild der Schuhformen am Limes zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. Auch wenn die ehemaligen Größen aufgrund von Schrumpfungsprozessen des Leders nur noch schwer zu ermitteln sind, so lässt sich allein durch den Vergleich erkennen, dass hier Schuhe für Männer, Frauen und Kinder vorhanden sind.

Als Leder wurde vorwiegend Rindsleder verwendet. Von der Machart lassen sich mehrere Schuhtypen unterscheiden, wobei sich keine klare Aufteilung nach Männer- oder Frauenschuhen ergibt. Besonders beliebt waren die sogenannten "calcei", geschlossene Schuhe oder Stiefel, meist mit genagelten Sohlen, bei denen Oberleder und Sohle getrennt gearbeitet und abschließend vernäht wurden. Daneben finden sich zahlreiche Sandalen (soleae), die mit ihren Zehenriemen den heutigen Typen sehr ähnlich sind. Besonders beliebt waren auch einfache aus einem Stück Leder gearbeitete Schuhe (carbatinae), eine Schuhform die in allen antiken Kulturen weit verbreitet war. Als Besonderheiten lassen sich Reste von Holzsandalen und ein Pantoffel aus Hirschleder mit einer Korksohle nachweisen, der sicher aus dem Mittelmeerraum stammt.

Insgesamt geben die Welzheimer Schuhe das typische Spektrum der römischen Schuhmode des 3. Jahrhunderts n. Chr. wieder. Die gute Verarbeitungsqualität zeigt dabei an, dass solides Schuhwerk wohl für die gesamte Bevölkerung am Limes, Soldaten und Zivilisten, kein Luxus war, sondern zum normalen Lebensstandard gehörte.

Weitere Informationen zum römischen Schuhwerk oder generell zur römischen Kleidung:
  • Aktuelle Sonderausstellung im Limesmuseum "Kleider machen Römer" (bis 7. September 2008)
  • Neuerscheinung in der Schriftenreihe des Limesmuseums Aalen:
    Peter Knötzele: Römische Schuhe - Luxus an den Füßen, Stuttgart 2007
    (Dr. Martin Kemkes, Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg)